Auszug eines Interviews mit Pfarrer Thomas Vogel aus dem Hailix Blättle 2019/3

Pfarrer_Vogel

Wer Sie kennt, weiß, dass Sie nie genervt oder schlechter Laune sind. Gibt es etwas, was Sie auf die Palme bringt?

Es stimmt – in der Regel bin ich ein eher optimistisch gestimmter Zeitgenosse. Mich auf die Palme zu bringen, dürfte eine echte Herausforderung sein. Was mich allerdings nervt, sind nörgelnde, humorlose und unentspannte Leute – solche, die sich selber ein Haar ausreißen, um es dann in der Suppe zu finden, damit sie etwas zum Meckern haben.

Herr Vogel, Sie beschäftigen sich sicher schon mit dem Zustand der Seelsorgeeinheit und künftigen Gesamtkirchengemeinde St. Stephanus/Liebfrauen. Ist Ihnen schon etwas aufgefallen, was Sie unbedingt fortsetzen und verstärken oder was Sie voraussichtlich ändern wollen?

Ich habe mir vorgenommen, wahrzunehmen, was in Filderstadt praktiziert wird. Die ersten Wochen werden mit Sicherheit in erster Linie eine Zeit des Sehens und des Hörens sein. Mir ist bis jetzt jedenfalls nichts bekannt, von dem ich schon vor meiner Investitur sagen könnte, dass es mich so sehr stört, dass es sofort geändert werden muss.
Am 22. März werden neue Kirchengemeinderäte gewählt, usw. Ich empfinde es als eine große Chance, diese Umstände zu nutzen, um mit dem Pastoralteam und den Kirchengemeinderäten nachhaltige Wege für die unterschiedlichen pastoralen Handlungsfelder in Filderstadt zu suchen und zu finden.

Vielleicht etwas provokant, doch was motiviert Sie in der heutigen Zeit, bei abnehmenden Messe-Besuchern, Fernbleiben der jüngeren Generation und schrumpfender Zahl von Mitgestaltern eine Messe zu halten?

Ich bin überzeugt davon, dass wir als Christ*innen eine wirklich gute Botschaft im Gepäck haben, und, dass es gerade angesichts der zunehmenden Verrohung der Sprache, von wachsenden Nationalismen sowie Tendenzen zur Ab- und Ausgrenzung von Menschen und Gruppen wichtig ist, offensiv ein Gegenmodell anzubieten, das uns in der Botschaft des Jesus von Nazareth mitgegeben ist.
Er dachte und handelte empathisch – vom Anderen her denkend. Er setzte auf Solidarität und Gerechtigkeit.
Dieses Gegenmodell zu verkünden ist für mich eine treibende Motivation, Gottesdienst zu feiern. Natürlich ist es bedauerlich, dass die Zahl der Menschen, die unsere Gottesdienste besuchen, rückläufig ist. Entmutigen lasse ich mich dadurch nicht. Meine Einstellung ist: Ich freue mich über alle, die kommen und meckere nicht über die, die nicht kommen.
Ich bin mir sicher, dass die Kirche selbst ursächlich dafür ist: Reformstau, Missbrauchsskandal, undurchsichtige Strukturen, fehlende Gewaltenteilung, etc.

Was sind Ihre Visionen, vielleicht auch Ziele in Ihren neuen Kirchengemeinden? Worin setzen Sie Ihr Hauptaugenmerk oder was liegt Ihnen am meisten am Herzen?

Mein wichtigstes Anliegen ist es, zusammen mit den Kirchengemeinderäten und dem Pastoralteam den Menschen einen Raum zu öffnen, der eine Atmosphäre des Vertrauens bietet. Offenheit für neue Ideen, auch mal etwas ausprobieren, ohne schon im Vorhinein zu wissen, ob es klappt - das reizt mich.
Natürlich ist es mir ein Anliegen, die in Bewegung befindliche Neuordnung der Struktur hin zur Gesamtkirchengemeinde mit allen beteiligten Gremien zu einem guten Ergebnis zu führen. Da bringe ich ja aus meinem bisherigen Umfeld eine große Portion an Erfahrung mit.
Ein weiteres wichtiges Anliegen ist mir, das Ökumenische Miteinander mit unseren Geschwisterkirchen zu pflegen und auszubauen, sowie eine gute Kooperation mit der Kommune und den überkonfessionellen Netzwerken.

Haben Sie Sorgen oder Ängste, die wir vielleicht zerstreuen können, oder auch Wünsche für Ihren Beginn hier bei uns?

Angst ist meiner Meinung nach eine schlechte Ratgeberin. Ich bin einfach neugierig auf das, was mich erwartet. Einige Menschen kenne ich ja schon und auch etliche Gegebenheiten, die ich vorfinden werde. Trotzdem wird mir Vieles an Neuem begegnen. Da lasse ich mich gern überraschen.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf am besten und am wenigsten?

Am meisten motiviert mich die Interaktion mit anderen Menschen. Es ist bereichernd, mit Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen zusammenzukommen: alte und junge, trauernde und erwartungsvoll-fröhliche, Kolleginnen und Kollegen, zufällige Bekanntschaften und beruflich bedingte Bekanntschaften – kurz gesagt: mit Menschen, wie sie eben sind.

Gibt es Momente, in denen Sie nicht Priester sein möchten?

Da muss ich intensiv nachdenken. Ehrlich gesagt: so wirklich hinschmeißen wollte ich meinen Beruf noch nicht. Es gibt Momente, in denen die Kirche für Skandale sorgt – finanzielle Eskapaden von Bischöfen, Missbrauchsskandal, etc., die es einem nicht leichtmachen, als Priester ein amtlicher Vertreter dieser Organisation zu sein.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Kritik ist wichtig. Ich denke, dass ich mit ernstgemeinter Kritik ganz gut umgehen kann, denn nur durch solche Kritik werde ich auf Verhaltensweisen aufmerksam, die auf Andere verstörend wirken. Kritik dient ja nicht dazu, mein Gegenüber fertig zu machen, sondern ist ein wichtiges Instrument der Kommunikation und der Verbesserung des Miteinander.

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Pfarrer?

Ich hatte bis jetzt wirklich viele schöne Erlebnisse. Zwei davon erzähle ich ganz kurz: Im vergangenen Jahr sprach mich im Münster von Bad Doberan ein älterer Herr an: «Sie sind doch der katholische Pfarrer in Hochdorf! Vor zwei Jahren haben Sie meine Cousine beerdigt – das war wirklich berührend» Da ist in mir die Sonne aufgegangen.
Ein zweites Beispiel: Vor ein paar Jahren habe ich unter dem Dach des Kreisjugendrings als Vertreter der ACK Plochingen mit Vertreter*innen der Plochinger Moschee – Gemeinde und Rabbi Puschkin aus Esslingen einen interreligiösen Workshop – Nachmittag mit Jugendlichen vorbereitet und durchgeführt. Es war ein beeindruckendes und bereicherndes Erlebnis, das zeigt, dass ein gutes Miteinander möglich ist.

Haben Sie eine Idee, wie man junge Menschen für die Kirche begeistern kann und wie man Alt und Jung gerecht werden kann?

Da habe ich natürlich kein Patentrezept. Meine Erfahrung aus den neun Jahren als Diözesankurat der DPSG (Pfadfinder) und aus den Kirchengemeinden zeigt, dass es «die Jugendlichen» ebenso wenig gibt, wie «die Senioren», etc.
Für Jugendliche ist es – denke ich – wichtig, dass sie sich ernstgenommen fühlen, dass ich nicht gleich mit perfekten Antworten und Lösungen dastehe, wo sie vielleicht einfach mal etwas ausprobieren wollen. Es ist wichtig, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und dabei selber authentisch zu bleiben, will sagen: dass ich nicht versuche, mich durch eine vermeintlich jugendgemäße Sprache anzubiedern. Das würde mir sowieso keiner abnehmen.
Wenn junge Menschen erleben, dass Kirche nicht das konservierte Mittelalter ist – dass Kirche nicht der Ort der Verbote ist, sondern ein Ort, an dem ich Menschen begegne, die mich ernstnehmen und die mir Räume öffnen, dann sind wir auf einem guten Weg.
Was die Gottesdienste betrifft: Da lege ich Wert darauf, eine klare und verständliche Sprache zu sprechen ohne ins Banale abzudriften. Das ist für junge und für ältere Menschen wichtig.

Haben Sie ein Lieblingsgebet?

Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.