"Weil in der Herberge kein Platz für Sie war" –

Flüchtlinge in Filderstadt

1. Zur Situation  

Die Anzahl der Unterkünfte für Flüchtlinge hat sich ja Ende des Jahres erweitert. Bisher gab es mehrere kleinere Einheiten in Filderstadt und eine große Flüchtlingsunterkunft in Sielmingen, Seestraße. Neu hinzu kamen Ende des Jahres eine Unterkunft  in Bernhausen, geplant in Zelten, aber auf Grund von Zeltmangel verlegt in die Halle der Gotthard-Müller-Schule. Das gleiche Problem stellte sich in Plattenhardt. Geplant waren Zelte, aber die Asylbewerber mussten zuerst in der Weilerhauhalle untergebracht werden. In der Zwischenzeit wurden die Zelte aufgestellt und die Asylbewerber sind dort eingezogen.

Für Bonlanden stellt  sich die Situation nochmals anders dar: Auf dem Festplatz direkt unterhalb der Kirche sollte eine Unterkunft aus Containern entstehen. Es gibt auch dafür Lieferengpässe, deswegen ist der Festplatz noch leer. Allerdings ist jetzt seitens der Stadt eine Anschlussunterbringung angedacht.

Man merkt schon an der Wortwahl, man muss genau hinschauen von wem und von was man redet.

2. Asylbewerber? Flüchtling? 

Grundsätzlich sprechen wir immer von Asylbewerbern und Flüchtlingen. Das ist aber nicht immer ein- und dasselbe. Flüchtling ist ein Asylbewerber, der auf Grund von Krieg sein Heimatland verlässt und hier in Deutschland  Asyl beantragt. Das sind momentan hauptsächlich Menschen aus dem Irak und aus Syrien. Da ist die Lage ja eindeutig, wie die Bilder im Fernsehen es uns vor Augen führen. Ihre Asylanträge werden in der Regel schnell, d.h. zwischen 6-12 Monaten, bearbeitet. Anders sieht es mit Kriegsflüchtlingen aus dem Iran, Afghanistan, Pakistan und einigen afrikanischen Ländern aus. Das gilt auch für Asylbewerber, die politisch, religiös oder aus anderen Gründen verfolgt werden. Diese warten teilweise mehr als 2 Jahre auf einen positiven oder negativen Bescheid vom Bundesamt für Migration

3. EA, GU und AUB 

Bei der Ankunft in Deutschland werden die Asylbewerber in sogenannte Erstaufnahmezentren (EA) gebracht. Die größten bei uns in Baden-Württemberg sind in Karlsruhe, Ellwangen/Jagst und Meßstetten. Dort werden sie erfasst und transferiert, d. h auf die einzelnen Landkreise verteilt, die dann für die Asylbewerber zuständig sind. Die Landkreise wiederum verteilen die Menschen nach einem bestimmten Schlüssel auf die Kommunen, die für die Unterbringung zuständig sind.

Während der Asylantrag läuft sind die Asylbewerber in sogenannten Gemeinschaftsunterkünften (GU) untergebracht (z.B. Sielmingen Seestraße, Weilerhau).

Die Verweildauer dort ist sehr unterschiedlich, zwischen 6 Monaten bis zu maximal 2 Jahren. Dort werden sie von der AWO und ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut.

Sobald ein Asylbewerber seine Anerkennung bekommen hat oder sein Antrag nach 2 Jahren noch nicht bearbeitet wurde, müssen sie die Unterkunft verlassen und eine eigene Wohnung suchen.

Das Jobcenter ist dann für die Flüchtlinge zuständig. Sie erhalten Hartz IV –Leistungen, wie jeder andere auch und die Miete wird bis zu einem bestimmten Höchstbetrag übernommen. Sie sind dann auch verpflichtet, Integrationskurse zum Erlernen der Sprache zu besuchen.

Finden sie keine Wohnmöglichkeit, werden sie anschlussuntergebracht, d.h. jede Kommune muss Wohnraum für  Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, zur Verfügung stellen, sogenannte Anschlussunterbringungen (AUB). In Bonlanden ist es unter anderem die Gutenhalde.

Da Wohnraum in Filderstadt äußerst knapp ist und alle AUB´s voll sind, ist nun eine solche Unterkunft in Containerform in Bonlanden auf dem Festplatz geplant.

4. Was tun? 

Als Kirchengemeinde und Seelsorgeeinheit gab und gibt es schon bisher verschiedenste Begegnungs- und Berührungspunkte:

Ehrenamtliche spenden Kleider, helfen bei Sprachkursen, machen an Weihnachten bei der Sternaktion mit. Flüchtlinge helfen bei Festen  oder  nehmen am Gottesdienst teil. Eindrucksvoll war es im vergangenen Jahr, als ein Flüchtling arabische Gedichte im Karfreitagsgottesdienst in St. Stephanus vorgetragen hat. Und vieles mehr.

Auch für die anerkannten Flüchtlinge wird manches getan, um sie zu unterstützen. Wohnraum wird - soweit möglich - zur Verfügung gestellt, bzw. von der Kirche angemietet und an Flüchtlinge weitervermietet. Begleitung zum Jobcenter oder anderen Behörden werden übernommen, Praktikums- und Ausbildungsplätze werden gesucht.

Geld wurde in den Gottesdiensten gesammelt, um die Arbeit mit und für Flüchtlinge zu unterstützen.

Und besonders wertvoll: die vielen persönlichen Beziehungen und Freundschaften, die zwischen Flüchtlingen und Gemeindemitgliedern entstanden sind.

5. Und jetzt? 

Manche Gemeindemitglieder engagieren sich schon persönlich in Plattenhardt in der dortigen Unterkunft und mit der Ankündigung, dass in Bonlanden eine GU auf dem Festplatz entstehen soll, haben sich in Liebfrauen viele gemeldet, die Interesse haben, sich dort einzubringen. Mit der Umwidmung in eine AUB hat sich die Situation dort etwas verändert, da die Bedürfnisse der Bewohner andere sind. Aber auch sie brauchen Menschen, die ihnen offen begegnen, die ihnen helfen und sie unterstützen.

Dafür brauchen wir Sie, liebe Gemeindemitglieder, Ihre Hände und Herzen, aber auch Ihre Augen und Ohren, die möglichen Wohnraum und Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten sehen oder davon hören und Ihren Mund, der sich nicht verschließt vor den Problemen, der  aber auch widerspricht, wo ungerecht  gesprochen wird; einen Mund  der  gute und offene Worte für die Menschen hat, die bei uns Heimat, Frieden und Zukunft suchen.

Wenn Sie Interesse an der oder auch Ideen für die Flüchtlingsarbeit haben, in welcher Form auch immer, melden Sie sich doch einfach im Pfarrbüro.

6. HelpTo

Seit Neuestem gibt es auch im Landkreis Esslingen ein Online-Portal für soziales Engagement vor Ort: HelpTo. Für den Bereich Filder gilt die Adresse: es-filder.helpto.de

Dort können Angebote oder Gesuche eingestellt oder gefunden werden, Kontakte aufgenommen und direkt geholfen werden.

Neben Rubriken wie Sachspenden, Sprache, Wohnen und Arbeit gibt es auch Infos zu Bildung und Wissenschaft, Organisationen und vieles mehr.

Die Homepage ist noch nicht lange freigeschaltet, muss also auch erst Zug um Zug bestückt werden. Ein Blick auf die Seite lohnt sich auf jeden Fall!

Andreas Marquardt